| |
Begonnen wird mit einem Film, der getrennt von der folgenden „Langen
Nacht“ präsentiert wird. GENERALPROBE, Werner Schroeters expliziter
Wunschfilm für seine Beerdigung:
„Nach dem Schmaus: Eine schöne Vorführung meines Films GENERALPROBE,
den Alle anschauen müssen!“Ab 23.30h wird ein Buffet im großen
Saal des Babylon Kinos aufgebaut, und das Publikum kann sich während
dieser Langen Film Nacht (die bis um ca. 8h morgens gehen wird)
stärken.
Die Filmgalerie 451 hat die Auswahl der Filme nicht von ihrem
Bekanntheitsgrad abhängig gemacht– es geht vielmehr um die einmalige
Gelegenheit, eine Wahl der schönsten und seltensten Filme von Werner
Schroeter in diesem besonderen
Rahmen auf der großen Leinwand in einer langen, unvergesslichen
Nacht zu erleben.
Obwohl es keine strickt chronologische Reihenfolge gibt, endet die
Nacht im Morgengrauen mit Werner Schroeters letztem Film – mit DIESE
NACHT (OF).
Freunde und Mitarbeiter Werner Schroeters werden die Filme
vorstellen.
Weitere Information zu den einzelnen Filmen:
DIE GENERALPROBE
D/F 1980 / Beta SP/1:4:3/Farbe / OmdU / 89 Minuten
Drehbuch Werner Schroeter / Kamera Franz Weich / Schnitt Werner
Schroeter, Catherine Brasier / Ton Christian Betz
Darsteller Mostefa Djadjam, Werner Schroeter, Catherine Brasier,
Colette Godard, Lew Bogdan und die Theatergruppen und Darsteller
André Engel, Pina Bausch, Sankai Juku, Ortrud Beginnen, Pat Olesko,
Kazuo Ohno, Kippers Kids, Reinhild Hoffmann, Groupe Etudiant de
Belgrade u.a.
Nicht erst seit Regno di Napoli, vor allem mit seinen frühen
Arbeiten hat Werner Schroeter dem deutschen und dem internationalen
Film eine neue Dimension verliehen; und mit seinem Bericht über das
Theaterfestival von Nancy disqualifizierte
er jetzt so nahezu alle sich objektiv gebenden, nur sachlich
bemühten oder auf modischen Appeal abgestellten TV-Reportagen und
TV-Berichte.
Für Schroeter sind persönlicher Ausdruck, das Offenlegen einer
subjektiven Auswahl und das Einbringen des eigenen Ich nicht
ängstlich gemiedene Sünden eines Berichterstatters im Umgang mit der
Wirklichkeit, sondern naheliegendste Selbstverständlichkeit. Wo sich
andere aus ähnlichen Anlässen hinter Fakten verstecken, bekennt sich
Schroeter in seinem Nancy-Film ganz unmissverständlich zur Arbeit
von Künstlern wie Pina Bausch, Pat Olesko oder Kazuo Ohno. Wo andere
ihre Subjektivität besessen zu «objektivieren» versuchen, rückt sich
hier Schroeter selbst als miterlebender, mitliebender und
mitleidender Teil einer Szene, eines Klimas und einer gemeinsamen
Erfahrung ins Bild.
Die Generalprobe gab sicher nicht «alles» wieder, was in Nancy
bemerkenswert war (aber das wird ohnehin kein Film über irgendein
Ereignis können); es war ein Film über Menschen und menschlichen
Ausdruck, über Heimat und Sehnsucht, über
Liebe und Zärtlichkeit, über Versteinerungen und Gefühle und damit
letztlich dann doch auch über eine Theaterfestival, das offenbar
nicht im verspießerten Jahrmarktstrott verkommt, sondern das Neue
riskiert und vorführt.
Faszinierend, wie Schroeter das Material der Künstler zu seinem
Material machte, sein deutsches Dilmma ins Spiel brachte und mit der
Musik von Puccini, Mahler, Mozart und Beethoven den Bildern eine
zweite Bezugs- und Erlebnisebene unterlegte. Die Generalprobe wird
so zum Schlüsselfilm für Schroeters bisheriges Werk; und für mich
besteht angesichts der bis jetzt vorliegenden Produktion kein
Zweifel, dass dies der wichtigste, schönste und inspirierendste Film
eines deutschen Regisseurs in diesem Jahr ist. (Eckhart Schmidt,
«Süddeutsche Zeitung», 1980)
WILLOW SPRINGS
D 1972 / 16 mm/1:1,33/Farbe / 78 Minuten / OF
Drehbuch Werner Schroeter / Kamera Werner Schroeter / Schnitt Ila
von Hasperg, Werner Schroeter / Ton Werner Schroeter / Musik Werner
Schroeter (Auswahl) /Ausstattung Werner Schroeter / Produktion
Werner Schroeter im Aufrag des ZDF /
Darsteller Magdalena Montezuma, Christine Kaufmann, Ila von Hasperg,
Michael O'Daniels
(...) ein gut überschaubares, sozusagen klassisches Melodram mit
festen Identitäten, gestellt in eine Einheit von Ort, Zeit und
Handlung. Gedreht in Kalifornien, führt uns Willow Springs in die
Isolations- oder Oasen-Situation dreier männervertilgender
Frauen. Nachdem etwa in Bomberpilot die drei Frauen an Männerwelt
und -politik zugrunde gegangen waren, nehmen diese hier (Magdalena
Montezuma, Christine Kaufmann, Ila von Hasperg) ihr Leben in die
eigenen Hände. Wie Wegelagerer
lauern sie in einem Wüstennest neugierig-unternehmungslüsternen
Männern auf.
Eine wesentliche Rolle spielt der Drehort, Willow Springs. Recht
doppeldeutig heißt «willow» «die Weide», als Baum, nicht Wiese, und
«spring» kann «Frühling» oder auch «Quelle» heißen; in jeder
möglichen Kombination aber ist hier Natürliches,
Ursprüngliches zum Klingen gebracht, was weder die Landschaft noch
die Handlung bestätigen mögen. Das Innen und das Außen sind einsam,
versteppt und schäbig: ein Einöddorf weniger Häuser in staubiger
Hitze. Hunde und Katzen laufen wie
beliebig durch die Einstellungen, und vor dem Haus der drei Frauen
steht ein Telefonmast in Form einer «4», ans Kruzifix ebenso wie an
einen Galgen erinnernd.
Hinter dem Haus ein Brunnen und Gerümpel, im Innern gibt es eine
düstere Bar mit auch künstlich getrübten Spiegeln, Weihnachtssternen
und Kerzen, die Magdalenas priesterliche Gestalt kommentieren. Von
wenigen Ausnahmen abgesehen, spielt das Geschehen im und ums Haus
herum, wie in deutschen Stummfilmkammerspielen von Carl Mayer.
Gleich diesen führt das Geschehen in Willow Springs optisch einige
Male aus der Geschlossenheit des Kammerspiels heraus - so mit
einigen Fernweh
und Aufbruch evozierenden Einstellungen auf ein Schiff an der Küste
im Abendrot, ein Bild, das von Telefon- oder Stromleitungen nahezu
diagonal durchzogen ist, und das die Hoffnung auf Kommunikation zwar
entfremdet, aber immerhin sinnbildhaft illustrieren mag.
(Sebastian Feldmann, «Werner Schroeter», Hanser 1978)
ARGILA
1968 / Beta SP/1:4:3/Farbe/SW / OF /36 Minuten
Drehbuch Werner Schroeter / Kamera, Darsteller Werner Schroeter
Gisela Trowe, Magdalena Montezuma, Carla Aulaulu, Sigurd Salto
Uraufgeführt am 7. März 1969 in Hamburg, ist Argila eine
16mm-Doppelprojektion in Schwarzweiß und Farbe: Links läuft die
schwarzweiße, rechts die farbige Kopie. Die Doppelprojektion beginnt
zugleich links mit einem Liebes- und Eifersuchts-Geschehen, dem man,
weil es eben passiert, höhere Authentizität zugesteht als dem
Farbbild rechts, auf dem Carla Aulaulu zu einem amerikanischen Song
im Play-back agiert. Kaum ist aber rechts ihr Lied verrauscht,
beginnt der rechte Projektor mit der um etwa eine halbe Minute
verspäteten, bildgleichen Repetition des Schwarzweiß-Geschehens des
linken. Diese Wiederholung ist aber in Farbe und seitenverkehrt und,
wenn richtig projiziert wird, entsteht eine leichte Überlappung
zwischen dem linken und dem rechten Bild. Eine Überlappung, die
mitunter bei Kamera- und und Bewegungsstillstand die Illusion eines
einzigen, sich im Spiegel narzisstisch betrachtenden Raums zustande
bringt. (Sebastian Feldmann) (Zum ersten Mal wird ARGILA in seinem
jetzigen Format gezeigt. Früher war es eine 16mm Doppelprojektion
für zwei Leinwände, nun hat das Münchner Filmmuseum den Film
liebevoll restauriert für Kinovorführungen auf nur einer Leinwand.)
DER TOD DER MARIA MALIBRAN
D 1972 / Beta SP / 104 Minuten / Drehbuch, Kamera, Produktion Werner
Schroeter / Schnitt Werner Schroeter, Ila von Hasperg / Darsteller
Magdalena Montezuma, Christine Kaufmann, Candy Darling, Manuela Riva,
Ingrid Caven, Anette Tirier, Einar Hanfstaengl , Gabor von Lessner,
Kurt Jungmann, Joachim Bauer "This bizarre film by one of the most
original directors now working in Germany is hermetic, expressionist,
oblique, and of a creative perversity that bespeaks the presence of
a genius. Purporting to deal with a real-life 19th century diva 'whose
popularity was such that over-exertion led to her death while
singing,' the film is actually a grisly series of frozen or tortured
tableaux (predominantly lesbian in implication) of heavily rouged,
frequently ugly women who, pretending to sing heavy opera, go
through contorted, icy attempts at communication that lead nowhere.
The
lip-sync is off; the singing is off-pitch; mouths are frequently
open while no sound issues forth, or closed, with mellifluous arias
or cheap popular songs heard on scratchy renditions of old records.
Neither burlesque nor slapstick, the film's intent, at least in the
beginning, is nevertheless ironical and subversive, though
mysteriously so. However, it grows increasingly dark and more
threatening, with screams, faces bathed in Vaseline, red, wet mouths,
smeared eye shadows, and dehumanized figures. One cannot 'explain'
Schroeter's work, other than recognize his debunking of opera as a
metaphorical rejection of bourgeois society; but one trembles in
recognition of a prospective major talent."
(Amos Vogel, Film as a Subversive Art)
REGNO DI
NAPOLI / NEAPOLITANISCHE GESCHWISTER
I/D 1977 / Beta SP / 1:1,66/Farbe / OmdU /123 Minuten / Drehbuch
Werner Schroeter, Wolf Wondratscheck / Kamera Thomas Mauch / Schnitt
Werner Schroeter, Ursula West / Ton Tommaso Quattrini / Musik
Roberto Predagio / Ausstattung Franco Calabrese / Kostüm Alberte
Barsacq / Darsteller Romeo Giro
(Massimo Pagano als Kind), Antonio Orlando (Massimo als
Jugendlicher), Tiziana Ambretti (Vittoria Pagano als Kind), Maria
Antoniella Riegel (Vittoria als Jugendliche), Cristina Donadio (Vittoria
als junge Frau), Dino Melé (Vater Pagano), Renata
Zamengo (Mutter Pagano) Regno di Napoli löste auf den
Filmfestspielen von Cannes, wo er auf dem Parallel-Festival
Quinzaine des Réalisateurs uraufgeführt wurde, zunächst einmal
Überraschung und Irritation aus. Italiener meinten, das Neapel-Bild,
das hier entworfen werde, stimme nicht mit der Wirklichkeit überein;
Schroeter-Anhänger wiederum hatten Mühe, das vertraute Universum des
Regisseurs aus künstlichen Figuren und stilisierten Gesten in diesem
ganz andersartigen Film wieder zu erkennen. In der Tat bedeutet
Regno di Napoli für Schroeter eine Art Neubeginn, eine
Zurückorientierung auf die Realität. Aber gerade dadurch ist ihm
einer seiner besten Filme gelungen, in dem spezifisch Schroeter'sche
Stilelemente - der Hang zum Exaltierten, zur pathetischen Gebärde,
zur musikalischen Form - auf faszinierende Weise mit der
Beschreibung einer Wirklichkeit zusammentreffen.
Schroeter erzählt in «16 charakteristischen Sequenzen» die
Geschichte einer neapolitanischen Familie, insbesondere zweier
Geschwister, in der Zeit von 1943 bis 1972, wobei die privaten
Geschehnisse vor einem Horizont kollektiver Vorgänge
erscheinen. Dieser Horizont wird evoziert durch regelmäßige
Einblendungen von dokumentarischem Bildmaterial und einer
Sprecherstimme, die in distanziertem Tonfall einige Zeitereignisse
beschreibt. Als Vorbild für diese Erzählstruktur kann
man Rossellinis neorealistischen Klassiker Paisà (1948) erkennen.
(...) Die Realität erscheint bei Schroeter oft in grotesker
Zuspitzung, in allegorischer oder poetischer Ausschmückung. Insofern
steht auch dieser Film in der Tradition früherer Filme des
Regisseurs; auf der anderen Seite spricht aus Regno di Napoli die
Liebe zu den unmittelbaren Aspekten neapolitanischer Realität: für
reale Dekors, für den Gestus des Alltags, für den Dialekt, für den
Ausdruckswert von Gesichtern «aus dem Volk».
(Ulrich Gregor, «Die Zeit», 1978)
DIESE NACHT - NUIT DE CHIEN
F/D/P 2008 / 35mm / OF / Farbe /118 Minuten / Drehbuch Gilles
Taurand und Werner Schroeter nach dem Roman von Juan Carlos Onetti /
Kamera Thomas Plenert / Artdirector Alberte Barsacq / Szenenbild
Isabel Branco / Schnitt Julia Grégory, Bilbo Calvez / Musik Eberhard
Kloke / Produktion Alfama Films - Paris / Filmgalerie 451 - Berlin /
Clap Filmes – Lissabon / Produzenten / Paulo Branco und Frieder
Schlaich / Darsteller Pascal Greggory, Bruno Todeschini,
Jean-Francois Stévenin, Marc Barbé, Amira Casar, Sami Frey, Elsa
Zylberstein, Nathalie Delon, Eric Caravacca, Bulle Ogier, Lena
Schwarz, Pascale Schiller, Oleg Zhukov, Laura Martin, Nils Arestrup
Eine Nacht um eine Wahrheit zu finden, die ständig flieht.
Santa María, eine Stadt zwischen Leben und Tod. Ossorio, der Held
einer gescheiterten Widerstandsbewegung kehrt auf der Suche nach
seinen einstigen Freunden und seiner Geliebten zurück in die
belagerte Stadt. Aber nicht nur die Lage hat sich verändert, auch
seine Freunde: Während eine hemmungslose Miliz die Stadt
terrorisiert, versucht jeder nur noch seine eigene Haut zu retten.
Es bleibt nur diese Nacht zur Flucht.
Pressestimmen zur Premiere in Venedig:
Libération, 4.9.2008 "Schroeter ist der Cocteau unserer Zeit. Das
Kino von Werner Schroeter ist reinste Magie, es erfindet eine neue
Welt, eine neue Zeit, voller Künstlichkeit und Schönheit. Bilder aus
einem Reich des Imaginären, in dem alles erlaubt ist. Magic Werner,
Magic Cinema." Le Monde, 4.9.2008 "Ein opernhaft ausgemalter
Höllensturz - mutig, hochaktuell."
|