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Programm akt. Woche

  Kino Eintrittspreis:      
  Mo - So 7,00 Euro    
  Jeden Tag 3,00 Euro für Freundeskreis-Mitglieder  more
Ab 130 Minuten Filmlänge plus Euro -,50
  Ab 150 Minuten Filmlänge plus Euro 1,-
  Kinderfilm 4,- Euro Gruppen ab 10 Kinder 2,50 Euro  
  Bei Sonderveranstaltungen gesonderte Preise (laut Aushang)
 
   
  VISCONTI TOTAL - Die Retrospektive
  Fr, 21.06. - So, 30.06.2013
 

LUCHINO VISCONTI IST EIN GIGANT.

Er hinterließ uns ein Werk voller Wucht und Schönheit, vergleichbar mit den Kunstwerken und Künstlern der Renaissance. Ein Filmemacher, wie ihn nur die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts hervorbringen konnten. Ein Italiener, beschenkt mit der jahrhundertealten, europäischen, kulturellen Tradition, ein Spross aus einer der wichtigsten adligen Familien Norditaliens, geschult an der französischen Filmklassik eines Jean Renoir im Paris der 30 iger Jahre. Dort beginnt seine Annäherung an die Kommunisten, er wird nach dem Krieg Mitglied der KPI, begründet mit seinem Film Ossessione in Italien den Neorealismus, den er später mit poetischen Überhöhungen, Verdichtungen, aufsprengen wird. Er inszeniert bahnbrechende Opern- und Theateraufführungen, deren Stil sich in seinen Filmen wiederfindet. Er bekennt sich in der Öffentlichkeit zu seiner Homosexualität. Zu einer Zeit, als das noch nicht en vogue war, hat er ein Verhältnis zu Udo Kier, dann zu Helmut Berger, dem er mit Ludwig II ein grandioses Denkmal setzt. Kein anderer italienischer Regisseur reflektiert seine Nähe zur deutschen Geschichte und Kultur so intensiv wie Visconti. Was für ein Glück für uns Deutsche, dass er uns mit seiner Trilogie aus Die Verdammten, Tod in Venedig und Ludwig II den goldenen Spiegel vor unser schaurig schönes, morbides Gesicht hält!

Das Babylon zeigt in einer groß angelegten Retrospektive ab 21. Juni 2013 alle verfügbaren Werke dieses Jahrhundertkünstlers. Den Zeugen dieses Ereignisses wird es mit großer Sicherheit nicht nur die Sprache verschlagen. Sie werden durch das Erleben dieser Filme die Filmgeschichte und vielleicht auch ihr eigenes Sein anders begreifen, denn die Filme haben nicht an Kraft verloren, im Gegenteil. Im Abstand der Jahre können wir diesen Solitär noch besser würdigen.
Diese Filme gehören auf die Leinwand, hier nach Berlin und ins Babylon, mit seinem Gold und seiner eigenen Jahrhundert-Geschichte.

Die Filme laufen fast ausschließlich in 35mm, in OenglU Fassungen.

Eine Veranstaltung des Babylon und Italienischen Kultrinstituts Berlin

   
  Programm
  Fr 21.06.
19:30 Eröffnung durch Volker Schlöndorff anschließend:
Die Unschuld [L’innocente], Italien, 1976, R: Luchino Visconti
mit Giancarlo Giannini, Laura Antonelli, Jennifer O’Neill, 125 min, 35mm, OenglU

SA 22.06.
15:30 Besessenheit (Ossessione)
           Italien 1943, R: Luchino Visconti mit Clara Calamai, Massimo Girotti, Dhia Cristiani, 140 min. 35mm, OenglU

19:30 Die Verdammten (La caduta degli dei) 155‘
           Italien 1969, R: Luchino Visconti mit Dirk Bogarde, Ingrid Thulin, Helmut Griem, Helmut Berger, 155
           min, 35mm, OenglU
22:30 Tod in Venedig (Morte a Venezia) 130‘
           Italien 1971, R: Luchino Visconti mit Dirk Bogarde, Björn Andrésen, Silvana Mangano, 130 min,
           35mm, OenglU

SO 23.06.
14:00 Notizen über einen Vorfall in der Chronik (Appunti su un fatto di cronaca),
           Auf der Suche nach Tadzio (Alla ricerca di Tadzio), Tage des Ruhms (Giorni di Gloria)
16:00 Der Leopard (Il Gattopardo) 215‘
19:15 Sehnsucht (Senso) 117‘

Mo 24.06.
18:00 Der Fremde (Lo straniero) 104‘
20:00 Weiße Nächte (Le notti bianche) 94‘
22:00 Die Verdammten (La caduta degli dei) 155‘

Di 25.06.
17:00 Die Erde bebt (La terra trema) 157‘
20:00 Gewalt und Leidenschaft (Gruppo di famiglia in un interno) 121‘
22:15 Die Unschuld [L’innocente] 135’

Mi 26.06.
18:00 Sandra (Vaghe stelle dell‘ Orsa) 104‘
19:30 Rocco und seine Brüder (Rocco e i suoi fratelli) 177‘

Do 27.06.
19:30 Der Leopard (Il Gattopardo) 183‘

Fr 28.06.
19:30 Ludwig II. 247'

Sa 29.06.
16:00 Sandra (Vaghe stelle dell‘ Orsa) 104‘
18:00 Episoden: Wir Frauen (aus: Siamo donne), Hexen verbrennt man lebendig (aus: Le streghe),
           Der Job (aus: Boccaccio‚ 70)
19:30 Gewalt und Leidenschaft (Gruppo di famiglia in un interno) 121‘
22:00 Tod in Venedig (Morte a Venezia) 130‘

SO 30.06.

  13:45 Bellissima 115‘
16:00 Rocco und seine Brüder (Rocco e i suoi fratelli) 177‘
18:00 Weiße Nächte (Le notti bianche) 94‘
19:15 Episoden: Wir Frauen (aus: Siamo donne)
           Hexen verbrennt man lebendig (aus: Le streghe), Der Job (aus: Boccaccio‚ 70)
   
  Appunti su un fatto di cronaca - Notizen zu einen Vorfall aus der Chronik (1951), 8 min Ital OmeU - digital
Kurzdokumentation über die "Affäre Lionello Egidi"

 

  Siamo donne: Anna Magnani (1953), s/w, 22 min Ital. OmdU - digital
In Siamo donne spielten Star-Aktricen Geschichten aus ihrem Leben nach: Für Visconti unternimmt Anna Magnani einen amüsanten polizeilichen Parcours auf der Suche nach Kleingeld, während die Zeit für den Variété-Auftritt drängt - alles eine Frage des Mundwerks und des Prinzips.

Boccaccio 70: Il lavoro (1962), Farbe, 46 min Ital. OmeU
- digital
Il lavoro, Viscontis Beitrag zum Episodenreigen Boccaccio 70, gilt als markanter Schlusspunkt der ersten Hälfte seiner Karriere: Romy Schneider als Gräfin, die ihrem fremdgehenden Gatten die eigenen Liebesdienste zu verrechnen beschließt.

Alla ricerca di Tadzio (1970), Farbe, 30 min Ital. OmdU - digital
Alla ricerca di Tadzio ist Viscontis für das Fernsehen gedrehte Dokument der Vorbereitungen zu Morte a Venezia. Der Schwerpunkt liegt auf der Suche nach dem Darsteller des Tadzio in Skandinavien und Polen - Thomas Manns Vorbild für Tadzio war ein blonder polnischer Junge gewesen.

BELLISSIMA (1951)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Francesco Rosi nach einer Novelle von Cesare Zavattini; Kamera: Piero Portalupi, Paul Ronald; Musik: Franco Mannino unter Verwendung von Themen von Gaetano Donizetti; Darsteller: Anna Magnani, Tina Apicella, Walter Chiari, Alessandro Blasetti, Gastone Renzelli. s/w, 116 min, Ital. OmdU - 35mm

Eine römische Arbeiterfrau versucht mit allen Mitteln und allem (überreich vorhandenem) Temperament, ihre kleine Tochter ins Kinogeschäft zu bringen. Der Anlass: Regisseur Alessandro Blasetti (gespielt von diesem selbst) sucht für ein Filmprojekt nach la bellissima di Roma, dem schönsten Kind Roms. Dokumentarischer Touch plus melodramma. Visconti verbindet eine nahezu gravitätische Präzision der Alltagsbeobachtung mit dem Funkenschlag der Satire. Eine Reise durch die Milieus von Rom und Lächerlichkeiten der Filmbranche - geleitet vom Stern der Schimäre und der beträchtlichen Energetik der donna del popolo Anna Magnani.

Giorni di gloria (1945)
Regie: Luchino Visconti, Mario Serandrei, Marcello Pagliero, Giuseppe De Santis; Kamera: Gianni Di Venanzo, Giovanni Pucci u. a.; Musik: C. Ferri. s/w, 67 min, Ital. OmeU - digital

Eine dokumentarische Huldigung an die resistenza, knapp nach Kriegsende gefertigt von Marcello Pagliero, Giuseppe De Santis, Mario Serandrei und Luchino Visconti. Aktionen des Widerstands gegen italienische Faschisten und Nazi-Besetzer im Zeitraum Herbst 1943 bis Frühjahr 1945. Reaktionen auf die Ermordung von 333 Zivilisten im März 1944 als Racheakt für einen Anschlag, bei dem 33 SS-Männer in Rom ums Leben kamen: deutsche Gründlichkeit im Maß 1 zu 10. Paglieros Episode gilt der Exhumierung der Leichen in den Fosse Adreatine. Visconti filmt mit acht Kameras den Prozess gegen den römischen Polizeichef Pietro Caruso, der den Deutschen die Geiseln beschaffte. Während des Verfahrens, das mit dem Todesurteil und der Exekution des Quästors endet, wird der Zeuge der Anklage Donato Carretta von der erregten Zuschauermenge als ehemaliger Direktor des Regina-Coeli-Gefängnisses erkannt und gelyncht.


Gruppo di famiglia in un interno / Conversation Piece (1974)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Enrico Medioli; Kamera: Pasquale De Santis; Musik: Franco Mannino, W.A. Mozart; Darsteller: Burt Lancaster, Helmut Berger, Silvana Mangano, Claudia Cardinale, Dominique Sanda. Farbe, 122 min, Engl. OmdU 35mm

Das makellos inszenierte Dokument einer Verzweiflung. Resümee und Testament eines aristokratischen Freigeists, Marxisten, Ästheten, den nur eine knappe Handspanne Zeit vom Tode trennt. Rom 1974. Ein Palazzo voller Gemälde und Gewesenem. Der Hausherr ein gealterter Professor, würdevoll, feinsinnig und doch nur die Mumie seiner selbst, im ererbten Palast abgeschirmt wie in einem Mausoleum hausend. In seine Welt brechen neue Mieter herein, um eine Generation jüngere Jet-Set-Neureiche, um zwei Generationen jüngere Luxus-Linke, das verkörperte Hier und Jetzt. Eine Begegnung, von Viscontis Doppelgänger zuerst widerwillig, dann willfährig vollzogen, als Erwachen, als übernommene Verantwortung. Eine Familie im Interieur entsteht. Aber sie ist nur Ersatz, Parodie - und sie wird zerbrechen. Was bleibt, ist die Unüberbrückbarkeit der Generationen, die Gewissheit von der Verkommenheit der Linken, die ihre Ideale verraten hat, die Ahnung eines rechten Putsches. Keine Hoffnung. Keine Zukunft.


Il gattopardo (1963)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico u. a. nach dem Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa; Kamera: Giuseppe Rotunno; Musik: Nino Rota, Giuseppe Verdi; Darsteller: Burt Lancaster, Claudia Cardinale, Alain Delon, Paolo Stoppa, Serge Reggiani. Farbe, 185 min, Ital. OmdU - 35mm

Visconti am Zenit. Der Abgesang einer Klasse, einer Ära, die weichen muss. In getragener Ruhe und sublimer Scharfsicht entwirft Viscontis beherrschte Sprache des Realismus ein episches Gemälde des Adels zur Zeit des Risorgimento, seiner Pracht und Brüchigkeit, Ermattung und Korruption beim Versuch des Überlebens. Schwebende Langsamkeit der Kamerafahrten und Tiefenschärfe auf Räume in farbigen Schatten. Aus tausend Details und prächtigen Nichtigkeiten entsteht das Fresko, die Wiedergeburt und Vision einer Epoche. Abtritt des Adels, Mesalliance mit dem Neuen, das keinen Fortschritt bringen wird - mit dem vor Vulgarität strotzenden, heuchlerisch liberalen Besitzbürgertum. Die Welt gesehen mit den Augen eines alten würdigen Mannes, der stolz und müde ist. Die glorreiche finale Ballsequenz ist ein Vanitas-Rausch, ein Todestanz in nicht enden wollender Schönheit.


L’innocente (1976)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Enrico Medioli nach dem Roman von Gabriele D’Annunzio; Kamera: Pasquale De Santis; Musik: Franco Mannino, Chopin, Mozart, Liszt, Gluck; Darsteller: Giancarlo Giannini, Laura Antonelli, Jennifer O’Neill, Massimo Girotti. Farbe, 130 min, Ital. OmdU -35mm

Vom Rollstuhl aus inszeniert und doch alles andere als ein Testament. L’innocente kehrt zur meisterlichen Beherrschung des kühl epischen und unerbittlich genauen Realismus zurück. Ein Libertin stellt seine Verachtung der Moral zur Schau, indem er vor den Augen der Welt seine Frau betrügt. Als diese eine Liaison eingeht, sonnt er sich in der Pose des fasziniert Gewährenden, bis die alten Machismo-Muster in ihm erwachen. Visconti verändert das Finale gegenüber der Romanvorlage. Von der Scham verletzter Männlichkeit geplagt, wählt der ernannte Übermensch den Freitod. Der Dünkel seiner Klasse, so Viscontis Kritik am D’Annunzionismus (und dem faschistischen Motto des „gefährlichen Lebens“, das sich daraus speist), trägt den Sieg davon. Eine zum Absterben verurteilte Gesellschaft: hinter ihrer Freiheit Dekadenz, hinter ihrer Dekadenz Egoismus, hinter dem Egoismus Lüge, Anmaßung und Selbstmitleid. Kein Abschied.


La caduta degli dei / The Damned (1969)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Nicola Badalucco, Enrico Medioli; Kamera: A. Nannuzzi, P. De Santis; Musik: Maurice Jarre; Darsteller: Ingrid Thulin, Dirk Bogarde, Helmut Berger, Charlotte Rampling, Helmut Griem. Farbe, 157 min, OmeU 35mm


Die Sippschaft eines deutschen Stahlbarons als Atridengeschlecht, der Chic der horriblen 1930er Jahre, Kollaboration von Faschismus und kapitalistischem Großbürgertum: Visconti bereitet ein „Fest der Schönheit“, eines jedoch von der Art eines morbiden und tief perversen Melodrams. Helmut Berger tanzt eingangs mit Strapsen imBlauen-Engel-Kostüm, der Schluss zeigt ihn als tödlichen Cherub im Schwarz der SS-Uniform. Der Beginn wie ein aus dem Gleichgewicht kippendes Kapitel derBuddenbrocks, dann Shakespeare-Blutrausch, danach Sophokles-Schrecken samt Wagner-Schwulst und Brosamen Dostojewskij. Visconti beutet die Kunstformen der europäischen Jahrhunderte hemmungslos aus und reiht sie nebeneinander, häuft und bläht sie zum grandiosen Pop-Art-Katafalk von Trivialem und Erhabenen auf. Deutsche Geschichte wie eine Kino-Oper, wie Grand Guignol oder ein Gesamtkunstwerk-Monster in Inferno- und Verwesungsfarben.


La terra trema (1948)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti; Kamera: G.R. Aldo; Musik: Visconti, Willy Ferrero; Kommentar: Visconti, Antonio Pietrangeli; Darsteller: Einwohner des Dorfes Aci Trezza (Sizilien). s/w, 160 min, Ital. OmdU 35mm

Vermutlich die purste Bekundung der Doppelnatur des Neorealismus. Filmische Hinnahme, der dokumentarische Zug des Hinhorchens auf der einen Seite. Andererseits das, was Zavattini den „Instinkt der Solidarität“, Rossellini die „moralische Einstellung“, Visconti den „Inhalt“ genannt hat: Hinwendung zu einer Welt, die im Argen liegt und Kampf gegen die Ursachen der Misere. Keine Schauspieler, keine Studios, keine story. Arbeit, Ausbeutung, vergeblicher Aufruhr einer Gruppe sizilianischer Fischer und der durch Verarmung erwirkte Niedergang einer Familie. Mit seinen aus dem Stegreif parlierenden Laien und seinem klassenkämpferischen Pathos stellt La terra trema den Höhepunkt des filmischen Verismus dar. Was nicht ausschließt, dass die Dialoge der Fischer von Aci Trezza wie große Musik klingen, ihre Sprachbilder spontane Dichtung darstellen und Viscontis Film über weite Partien stilisiert wie eine antike Tragödie anmutet, die durch die Schule der italienischen Oper gegangen ist.


Le notti bianche (1957)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico nach dem Roman von Fjodor Dostojewskij; Kamera: Giuseppe Rotunno; Musik: Nino Rota; Darsteller: Maria Schell, Marcello Mastroianni, Jean Marais, Clara Calamai, Dick Sanders. s/w, 97 min, Ital. OmdU - 35mm

Künstlich, wie geträumt der Raum. Unbestimmt die Zeit. Stilisiert die Gebärden, als wäre das Melodram in ein onirisches Ritual verwandelt. Ein Sonderfall, eine Ausnahme in Viscontis Werk. Der Regisseur von Ossessione als metteur en scène des Artifiziellen. Kunst, so Visconti, wäre nie Kopie der Realität, sie sei eine Wieder-Erfindung der Wirklichkeit. Was in Le notti bianche erfunden wird, ist die Randzone zwischen Traum und Wachsein, ein Bereich des Bekannten mit dem leisen und doch heftigen Atem des Irrealen. Das vermeintliche Livorno hat der Theater- und Opernregisseur Conte Luchino Visconti di Modrone in nuce im Atelier erbaut, ein hermetisch umzirkeltes Niemandsland aus Brücken, Kanälen mit Lichtreflexen, Schatten, Lampen und Neonlettern im Nebel. Dies Nocturno kulminiert in nächtlichem Studio-Schneefall, in dessen Weiß-in-Schwarz der Zauber des Gewesenen, die Träume der Liebenden, die Flucht aus der Welt endgültig den Sieg davontragen.


Le streghe (1967)
Regie: Luchino Visconti, Mauro Bolognini, Pier Paolo Pasolini, Franco Rossi, Vittorio De Sica; Drehbuch: Giuseppe Patroni Griffi, Cesare Zavattini; Kamera: Giuseppe Rotunno; Musik: Piero Piccioni; Darsteller: Silvana Mangano, Annie Girardot, Massimo Girotti, Francisco Rabal, Clint Eastwood. Farbe, 111 min, Ital. OmeU 35mm

Fünf Episoden von fünf Regisseuren, in deren Zentrum Silvana Mangano als moderne Hexe steht. Viscontis ruhiger und grausamer Sketch „La strega bruciata viva“ befleißigt sich doppelter Demontage. Zu Beginn strahlt Filmdiva Mangano als mumienhaft unnahbarer Vamp, Objekt von Neid oder Begierde und Subjekt forcierten Kapital-gewinns. In Schichten, gleichsam wie eine seelische Zwiebel, wird der Star entkleidet und das Autodafé seiner preisgegebenen Make-up-Geheimnisse betrieben - was bleibt, ist eine Oper mitsamt gefrorener Sehnsucht. Parallel dazu decouvriert Viscontis Kurzfilm die schicken Kreaturen und Schmarotzer der Kinoindustrie: Bürger mit starrem Blick aufs Geld, befasst mit dem Geschäft der „Kunst“.


Lo straniero (1967)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico u. a. nach „L’Etranger“ von Albert Camus; Kamera: Giuseppe Rotunno; Musik: Piero Piccioni; Darsteller: Marcello Mastroianni, Anna Karina, Pierre Bertin, Alfred Adam, George Wilson. Farbe, 104 min, Ital. OF - 35mm

Luchino Viscontis verkanntester Film, eine bei ihrem Erscheinen - trotz erstaunlicher Werktreue - sehr gemischt aufgenommene, seither kaum gezeigte Adaption von Albert Camus’ Der Fremde. Das angeblich Unverzeihliche: Die Schattenwelt, die existentielle Leere, die den gleichgültigen Protagonisten des Buchs umgibt, wird von Visconti mit gewohnt sorgfältig rekonstruierter, realistischer Detailfülle versehen, der ebenso ungreifbare existentialistische Anti-Held mit Psychologie und der Star-Präsenz von Marcello Mastroianni. Das Portrait absoluter Entfremdung, die Geschichte eines sinnlosen Mordes und seiner Folgen, muss sich hier - in typischer Visconti-Manier - den Platz mit einem Gesellschaftsportrait teilen. Viscontis Fremde: Algier in den 1930er Jahren, durchwirkt von Rassismus und Spannungen zwischen den einheimischen Kolonisierten und den französischen Kolonisatoren.


Ludwig (1973)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Enrico Medioli, Suso Cecchi D’Amico; Kamera: Armando Nannuzzi; Musik: Robert Schumann, Richard Wagner, Jacques Offenbach; Darsteller: Helmut Berger, Romy Schneider, Trevor Howard, Silvana Mangano, Helmut Griem. Farbe, 239 min, Ital. OmdU - 35mm

Langsamer Tod. Über drei Stunden hinweg der Schiffbruch eines Traums, qualvoll getragen, Zug um Zug. Er habe, sagt Visconti über den zweiten, bayrischen Ludwig, die exzeptionelle Fähigkeit besessen, außerhalb der Realität zu leben, gleichfalls die ebenso exzeptionelle Unfähigkeit, sich in ihr zurecht zu finden. Requiem für Europas letzten Monarchen mit absolutem Gebaren, der sich der Politik verweigert, in seiner Sehnsucht lieber mit Künstlern als mit Ministern regiert, in der Realität hingegen die Utopie des Schönen mit dem Mittel der Macht als Privatgemach seiner selbst hervorbringen lässt. Hypnotisiert wendet sich Visconti (verhängnisvoll seinem romantizistischen Held gleichend) der Ästhetik des 19. Jahrhunderts zu. Zum Amorphen gesellt sich, prekär wie faszinierend, Nähe zum diffusen Schönheitskult des Helden. Als Meister des Widerspruchs aber lässt Visconti Romy Schneider angesichts des Herrenchiemsee-Kitsches in berstendes Gelächter ausbrechen.


Morte a Venezia / Death in Venice (1971)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Nicola Badalucco nach Thomas Mann; Kamera: Pasquale De Santis; Musik: Gustav Mahler; Darsteller: Dirk Bogarde, Silvana Mangano, Björn Andresen, Marisa Berenson. Farbe, 130 min, OmU 35mm

Was ihn an Manns Novelle bewegt habe, sei die Geschichte seiner Einsamkeit und Verzweiflung gewesen. Wieder, in besessener Repetition, eine Visconti-Apotheose von Agonie und Scheitern inmitten eines Ambientes überreifer Schönheit. Die Novelle nur mehr Ausgangspunkt für die Ausmalung abbröckelnder bellezza: Venedig, heimgesucht von Scirocco, Cholera, Unrat, Zerfall. Und auf der psychischen Ebene das nämliche Motiv. Die Suche nach dem befreienden absolut Schönen führt zur Pein einer uneingestandenen und platonischen Liebe und diese zur sinnlichen Erniedrigung des apollinischen Komponisten-Dirigenten Von Aschenbach. Zu abschiedsprächtigen Adagios zeigt Visconti das Koma der Belle Epoque und das Sterben seines Helden in Farbbädern zerrinnender Schminke.


Ossessione (1943)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Giuseppe De Santis u.a. nach „The Postman Always Rings Twice“ von James M. Cain; Kamera: Aldo Tonti, Domenico Scala; Musik: Giuseppe Rosati; Darsteller: Massimo Girotti, Clara Calamai, Juan De Landa, Elio Marcuzzo, Vittorio Duse. s/w, 143 min, Ital. OmdU 35mm

The Postman Always Rings Twice, übersetzt in den Kosmos des italienischen Subproletariats. Flaches, sonnengedörrtes Land der Dämme um Ferrara im Wechselspiel mit Halbdunkel-Valeurs in den Untiefen einer abgewohnten Trattoria. Was die Zeitgenossen an Viscontis Debüt empört, ist weniger das Veristische als die unerhörte Brutalität von Hass und sexuellem Begehren auf der Leinwand. 1942 unter einem Regime gedreht, das die Tugend „Glauben, Gehorchen, Kämpfen“ auf sein Banner schreibt und ein Kino der weißen Telefone favorisiert, bekundet Ossessioneeinen eruptiven Willen zum ganz Anderen. Um dies Neue, Ungeschminkte mit einem Namen zu belegen, hat man auf einen Ausdruck zurückgegriffen, den Viscontis Cutter Mario Serandrei für den Stil des Films vorgeschlagen hat: neorealismo.


Rocco e i suoi fratelli (1960)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico u. a.; Kamera: Giuseppe Rotunno; Musik: Nino Rota; Darsteller: Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Paolo Stoppa, Claudia Cardinale. s/w, 35mm, 177 Min, OenglU

Visconti als filmischer Meister einer zutiefst pessimistischen Gegenwart-Geschichtsschreibung. Die Zeit: 1960 oder der Zusammenprall bäuerlich-feudaler Ära mit der Epoche des fortgeschrittenen mitleidslosen Kapitalismus. Ort: Lukanien verfrachtet in die Lombardei, der Süden im Norden, der ländliche Mezzogiorno in Milano, dem kaltgrauen El Dorado von Industrie und Big Business. Das Subjekt: der matriarchale Familienverband, Zelle des süditalienischen Lebens. Die Erzählart: episches Drama, hundertfach, je nach Bedarf, ins Melodram hinüberspielend, vice versa. Zum einen eine präzise soziale Versuchsanordnung, zum anderen Kino großer Gefühle und aneinandergeratender, in Brüdern verkörperter Gegensätze, die zum Scheitern verurteilt sind.


Senso (1954)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico u. a.; Kamera: G.R. Aldo, Robert Krasker; Musik: Anton Bruckner; Darsteller: Alida Valli, Farley Granger, Massimo Girotti, Heinz Moog, Rina Morelli. Farbe, 126 min, Ital. OmdU 35mm

Einer der großen Entwürfe des Erzählkinos und ein Film, in dem Opulenz und Tiefe, Distanz und Passioniertheit einander die Waage halten. Visconti öffnet die Pforten einer Leidenschaft, die ihn und sein Werk die nächsten beiden Jahrzehnte in Bann halten wird: Risorgimento und ottocento, Aufbruch und Niedergang einer Epoche, die ihre Widersprüche hinter einem Panzer aus Schönheit kaschiert. In subtil glühenden Farbkompositionen kreist Senso um die Geschehnisse der Schlacht von Custozza, verwebt souverän private Tragödie, gesellschaftliche Studie, nationales Epos und historische Substanz zu völliger Durchdringung. Chaos des Kriegs, Chaos der Gefühle - die Wirren der Befreiungsbewegung, der amour fou der Contessa Sarpieri zum österreichischen Leutnant Franz Mahler. Umbruch und Entscheidung, geschichtliches und persönliches Scheitern.


Vaghe stelle dell’orsa (1965)
Regie: Luchino Visconti; Drehbuch: Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Enrico Medioli; Kamera: Armando Nannuzzi; Musik: César Franck, Pino Calvi u. a.; Darsteller: Claudia Cardinale, Jean Sorel, Michael Craig, Marie Bell, Renato Moretti. s/w, 105 min, Ital. OmeU - digital

Wieder die Tragödie einer zerfallenden, kranken Familie - aber sowohl die politischen Verweise auf verleugnete faschistische Vergangenheit als auch die Parallelen zurOrestie bleiben in Vaghe stelle dell’orsa unbestimmt, artifiziell. Andere Aspekte des Films verdienen Interesse: Luchino Viscontis maniera, die bis zur Grenze von Horror und unbeabsichtigter Komik vorangetriebene Ästhetik der morbidezza, mit der er das Konvolut aus Lügen und schwülen Gefühlen einer ethisch verkommenen Gesellschaft schildert. Schwelgendes Spiel mit Spiegeln und Schleiern. Faszination der Dunkelheit, konterkariert von raffiniert spärlichen Lichtern. Volterra als Totenstadt, der Palazzo als Gruft.